[2.3.1]
Zum Hauptkriterium des »fiktiven Selbstentwurfs«
bezüglich der imaginativen Qualität
Erfolgt die Selbstreflexion in Hinsicht auf die imaginative Qualität, so sind die
momentane sinnliche Gegebenheit und die gefühlte Zuständlichkeit des Selbsts
weniger wichtig. Vielmehr ist nun das Hauptkriterium des fiktiven Selbstentwurfs
ausschlaggebend für die Bewertung der ästhetischen Erfahrung. Der fiktive Selbstentwurf
kann über einen faktisch bestehenden negativen Zustand hinwegtäuschen, indem
versäumt wird, an den derzeitigen Lebensumständen etwas zu ändern, er kann aber auch als
motivierender Antrieb wirken.
Je nach Ausrichtung des Selbstkonzepts kann der fiktive Entwurf des
inneren Selbsts für die persönliche Entwicklung einer Lebensperspektive und die
Beurteilung von Lebensqualität entscheidend sein. Vielfach wird heute die Meinung vetreten,
daß allein durch die Möglichkeit des fiktiven Selbstentwurfs und dessen schrittweiser
Konkretisierung oder Modifizierung, Selbstverwirklichung möglich sei. Daraus folgt
dann, daß die Erwartung einer ästhetischen Erfahrung, die nach einer erbrachten
Leistung eintreten soll, allein am inneren Zustand konzentriert vorgestellt wird. Viele
Sportler trainieren nicht für den Moment der sozialen Anerkennung auf dem
Siegerpodest, sondern wollen sich selbst beweisen, daß sie ihrem Selbstentwurf näher
kommen. Angestellte machen unbenötigte Überstunden und stellen sich vor, eine
Karriereleiter zu erklimmen, ungeachtet, ob diese sozial
anerkannt wird oder nicht. Manche Menschen sammeln tragische Erfahrungen, um ihr Selbst nach der Vorstellung, die sie
von einem Künstler haben, zu formen und Inhalte für ihre Werke zu finden.
Das innere Selbst, das stark auf subliminaler Ebene vorstrukturiert wird, ist
durch bewußte Reflexion nicht beliebig auf einen fiktiven Selbstentwurf hin
umzuformen. Dieser sollte nicht als an gerade aktuellen Vorbildern angelehntes Idealbild,
sondern vielmehr in Verbindung mit dem inneren Selbst als dessen positive
Entwicklungsperspektive modelliert werden. Deshalb könnte die prospektive Aktualität zunächst
viele Alternativen zur Entdeckung wesentlicher Eigenheiten des inneren Selbsts
anbieten, um dann die Orientierung am davon abgeleiteten Selbstentwurf zu erleichtern.
Insbesondere Kinder sollten die Möglichkeit haben, viele Tätigkeiten kurz
auszuprobieren, um herauszufinden, was ihnen Spaß macht und worin sie gut sind und sie
entsprechend den gefundenen Neigungen und Fähigkeiten fördern zu können.
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