zurück perzeptiv/formativ Übersicht der HauptkriterienDarstellung als Modell

[2.3.1]
Beispiel für die formative Aktualität von Design

Der städtische Raum sollte weder zu steril gestaltet sein, noch einer chaotischen Eigendynamik überlassen werden. Plakatierungen sind eine Möglichkeit, Farbflecken zu arrangieren, welche die Sinne anregen. Das großflächige Rot eines Plakats korrespondiert mit der groben Struktur eines Stahlträgers, vorbeigehende Menschen erzeugen mit ihrer farbigen Kleidung wechselnde Kompositionen. Auch typografische Zeichen werden im Vorübergehen nicht immer gelesen, sondern einfach als anregende Strukturen wahrgenommen, die in architektonischen Elementen formal wieder auftauchen. Zufällige, zusammenhanglose Geräusche wie vorbeibrausende Autos, ein ferner Preßlufthammer, das Gespräch von Passanten oder das Rauschen der Wasserleitungen organisieren sich im Bewußtsein zu einer Melodie. Es kann auch zu einer Vermischung von den Reizen kommen, die momentan wahrgenommen werden, und solchen, die aus der Erinnerung auftauchen.

Oft ist es auf Reisen in fremden Städten faszinierend, nur die Geräuschkulisse aufzunehmen. Akustische Reize, die in der bekannten Umgebung gar nicht mehr gehört oder unmittelbar der bekannten Bedeutung zugeordnet werden, gewinnen durch ihre Fremdartigkeit eine neue, bewußt erfahrbare Sinnesqualität. Von daher erklärt sich der Erfolg von Musikstücken von Ethno-Pop bis zu Gregorianischem Gesang, die ohne Bezug auf ihre Entstehungsgeschichte oder religiöse Überzeugungen, also ungeachtet ihres Inhalts, als formative Kompositionen produziert und rezipiert werden.

Im Restaurant geht es oft weniger um die Nahrungsaufnahme als vielmehr um das Vergnügen am Schmecken und Riechen der verschiedenen Speisen und Getränke. Viele Nahrungsmittel werden nicht deshalb gegessen oder getrunken, weil sie besonders angenehm schmecken, sondern weil sie einen speziellen Geschmack oder Geruch haben, der die gustatorische und olfaktorische Sinnlichkeit bereichert.

Die Unterscheidung zwischen dem gierig schlemmenden Gourmand und dem genußvoll speisenden Gourmet eignet sich dazu, die Nähe der selbstzweckhaften ästhetischen Einstellung zu Dekadenz und Egoismus aufzuzeigen. Die der perzeptiven Qualität entsprechende Selbstreflexion unter dem Hauptkriterium der reflektierten Sinnlichkeit kann auch als einzige Art des Selbstbezugs kultiviert werden. Diese Reduktion des Selbstkonzepts vollziehen wenige Menschen mit. Deshalb eignet sie sich als Mittel zur sozialen Abgrenzung. Es kommt vor, daß die Reduktion zur Basis einer gesamten Lebensanschauung wird, wobei offen bleiben kann, ob deren Verkünder sie nur nach außen zur Schau stellt oder von ihr überzeugt ist. Dann entsteht der Typ des elitär und weltfremd wirkenden Ästheten, der seine auf die reflektierte Sinnlichkeit reduzierte Weltsicht als einzig richtige kultiviert.

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