[4.3.2.3]
Zum Kriterium des »Verständnisgegebenheit«
bezüglich der integrativen Struktur
Im Hinblick auf die Orientierung an der integrativen Struktur findet der
Einzelne jederzeit Verständnis und kann sich in der Gemeinschaft aller an einem
sozialen System Beteiligter geborgen fühlen. Am ehesten ist dies im Bezug zur sozialen
Wirklichkeit innerhalb der Familie oder dem engen Freundeskreis der Fall. Ein
Interessenskonflikt zwischen dem Individuum und dem sozialen System wird nicht
registriert. Daher leidet das Individuum nicht unter seiner Abhängigkeit von der
Gemeinschaft. Die Einschätzung der individuellen Position erfolgt deshalb nicht im Vergleich
mit höheren, besseren oder weiterentwickelten Positionen, sondern in direkter
Bezugnahme auf das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das Verständnis, den Konsens, die
verbindende Ganzheitlichkeit als Wertungsprinzip. Eine Sehnsucht nach Verständnis
füreinander und die Empfindung dessen Mangels in der heute vorherrschenden
Gesellschaftsorganisation drücken die Statements der anläßlich der 12.
Shell-Jugendstudie befragten Judendlichen aus (vgl. Jugendwerk der Deutschen Shell, 1997). Das
Kriterium der Verständnisgegebenheit als positiv empfundene Bedingung für die
Erfahrung mit dem Schwerpunkt der kommunikative Dimension und der integrativen
Struktur ist ein wichtiger Anreiz zum Engagement bezüglich einem sozialen System.
Da die heutige soziale Lebenskomplexität nicht mehr durch ein einziges, die
gesamte Gesellschaft umschließendes System mit integrativer Struktur zu erfassen
ist, filtern sich verschiedene soziale Systeme aus, die jeweils ihr internes,
selbstverständliches, mit einem blinden Fleck belegtes und daher unsichtbares, kollektives
Potential pflegen. Deshalb bestehen heute mehrere, durch ästhetische Gewohnheiten
Gemeinsamkeit kultivierende und Verständnis für die Beteiligten ausdrückende
soziale Systeme mit integrativer Struktur nebeneinander. Diese konkurrieren nicht
automatisch, denn jede Gruppierung belegt ihre soziale Nische. Beispielsweise engagieren
sich die Menschen nicht mehr ausschließlich in der offiziellen Amtskirche, sondern
in Sekten oder Vereinen mit sozialem Engagement, um genau das Verständnis zu
finden und weiterzuverbreiten, das sie anspricht.
Der Konsens im ästhetischen Empfinden ist wichtiger als die Erfüllung
invidueller Vorlieben oder die repräsentative Aufwertung der eigenen Person. Naturgegebene
Besonderheiten wie körperliche Merkmale oder Behinderungen werden
hingenommen aber ansonsten ist Auffallen verpönt. Deshalb werden Designgegenstände, welche
die Integration der Person in ihrem sozialen Umfeld verstärken und ihrem
Gemeinsinn Ausdruck geben, ausgewählt und ungewöhnliche Objekte, die eine
Besonderheit offenlegen könnten, gemieden. Dementsprechend kann das Kriterium der
Verständnisgegebenheit als attraktive Belohnung im Teilprozeß der Partizipation bezüglich
einem sozialen System mit integrativer Struktur durch das kollektive Potential von
Design gefördert werden.
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