[5.3.3.2]
Beispiel für das situative Potential von Design
Besonders die Architektur hat Schwierigkeiten damit, dem Kriterium der
Verbindlichkeit im obigen Sinne durch das situative Potential von Design zu entsprechen. Im
Wohnungsbau ist es durchaus üblich, in der Planungsphase die Interessen der zukünftigen
Bewohner einzubeziehen. Es wird diskutiert, ob Grünanlagen, Spielflächen, Sportanlagen,
Gemeinschaftsgebäude usw. gewünscht werden. Dies ist hinsichtlich größeren Bauvorhaben
schwierig wie die im Vorfeld kontroverse Diskussion um die »Gläserne Fabrik«, die der
VW-Konzern in Dresden errichtet, zeigt. Während den Planern eine Erlebniswelt rund um das Auto
vorschwebt, die dem Autokäufer ein touristisches Rundumerlebnis bieten soll, fühlen sich
viele Bürger Dresdens überrumpelt, da ihre Stadt in eine Richtung geprägt wird, die sie als
dort Lebende nicht befürworten.
Hinsichtlich dem Subprozeß der Befähigung und den Kriterium der Verbindlichkeit
muß besonders die Reaktivation und Nutzung von kontextuellen Medien im städtischen
Raum geprüft werden, denn hier sind besonders viele Menschen von Veränderungen in ihrem
Lebenskontext betroffen. So ist es zwar zu
begrüßen, wenn sich viele kleine
Geschäfte, Cafés usw. in einer Straße ansiedeln, aber was für den Inhaber ungeachtet des finanziellen
Erfolgs als Entfaltung seiner Erfahrungen im Sinne seiner Befähigung erlebt wird, kann
ein Bewohner als Verschandelung des Stadtbildes durch Werbeschilder, schrille
Schaufenstergestaltung oder billigste Ausstattung empfinden. In einigen Städten wurde
deshalb brereits über die Einführung von Strafgebühren für ungepflegte, unpassende Bestuhlung
im städtischen Raum verhandelt. Bezüglich diesem Problem kann das situative Potential
von Design dahingehend einwirken, daß Firmenschilder zum Beispiel auf die Architektur einer
Altstadt abgestimmt werden inzwischen ist das auch bei McDonals-Filialen der Fall ,
daß entsprechend passende Utensilien für die Ausgestaltung der Schaufenster entwickelt
werden und daß die Bestuhlung der Straßencafés deren Differenzierung zuläßt.
Herstellerfirmen für solche Produkte müssen daher eine größere Vielfalt anbieten.
Insgesamt sollte das Public Design, von der Straßenlaterne, über die Parkbank zum
Fahrradständer das Kriterium der Verbindlichkeit bezüglich der kontextuellen Medien stärker
beachten. Auch in diesem Bereich ist ein größeres, differenzierteres Angebot zu schaffen,
um die Bürger an dem Prozeß der verändernden Nutzung und Reaktivation der Medien
beteiligen zu können, die ihre Erfahrungsqualität in Relation zu kontextbezogenen
Interaktionen mitbedingen. Ein Konzept für das Public Design einer Stadt darf keine zu
einschränkenden Verbindlichkeiten vorgeben, sondern sollte einen Rahmen bieten, der zu
Eigenaktivitäten ermuntert und befähigt. Zudem sollte das situative Potential von Design daraufhin
angelegt sein, die Entwicklungsgeschichte der dort lebenden Bürger aufnehmen zu können
und dadurch eine einzigartige Ausformung zuzulassen, die sich nicht in jeder anderen
Stadt genauso wiederfindet. In diesem Sinne können öffentliche Einrichtungen wie
Stadtverwaltung, Krankenhaus, Kindergarten oder Schule markante Signale
setzten. Um diese Bereiche von der Architektur über Public Design bis zur Stadtzeitschrift einbinden zu können, ist
die Entwicklung einer Corporate Identity für die Stadt sinnvoll (vgl. Kutschinski-Schuster, 1993).
|