[2.3.3]
Zum Hauptkriterium der »konkreten Dinglichkeit«
bezüglich der perzeptiven Qualität
Die perzeptiven Qualifizierung erfolgt unter völliger Absehung von subjektiven
Interessen. Deshalb wird sowohl im eher rezeptiven, als auch eher produktiven
Interagieren der Anlaß der Reize, beispielsweise die Gegenstände des Lebenskontexts,
in ihrer konkreten Dinglichkeit angenommen. Jedes Ding ist demnach in der bewußten
ästhetischen Anschauung thematisierbar, ohne gleichzeitig psychologische
Interpretationen ausdrücken oder anregen zu müssen. Dadurch wird es möglich nach
Kriterien und Gesetzmäßigkeiten der Anschauung zu forschen, die sich nur auf die
Organisation der Gestaltungsmittel, die für die das Zustandekommen und die
perzeptive Qualität von konkreter Dinglichkeit nötig sind, konzentrieren (vgl. Kapitel 3.1.2).
Diese Überlegungen prägten zu Beginn dieses Jahrhunderts das künstlerische
Denken, flossen in die Lehre des Bauhauses ein und trugen zu einem an der formalen
Ästhetik ausgerichteten ästhetischen Grundverständnis bereits in der Entstehungsphase
von Design als eigener Disziplin bei.
»Kandinsky attestiert dem zweidimensionalen Formelement die Qualität eines Dinges,
um es von jeder Nachahmungsfunktion zu entbinden und seine Eigenständigkeit zu betonen
denn ein Ding ahmt ja nichts nach, sondern stellt sich selbst dar.« (Hofmann, 1987, S. 55)
Eine Linie soll nicht als Abbild, Ornament, Symbol oder sonstiges Zeichen,
sondern einzig in ihrer Selbstbezüglichkeit als geformtes Ding gesehen werden. Hier ist
nochmals daran zu erinneren, daß die konkrete Dinglichkeit nur in der sinnlichen
Anschauung durch Interaktion entfaltet wird, also nicht in gleicher Form unabhängig vom
Instrumentarium des menschlichen Körpers und der gehirninternen Verarbeitung
real existiert. Design mit dem Schwerpunkt der formativen Aktualität wird im Hinblick
auf die Förderung der perzeptiven Erfahrungsqualität entworfen. Dies heißt bezüglich
dem Hauptkriterium der konkreten Dinglichkeit, daß es eine bestimmte Art und Weise
der Interaktion mit der Welt kennzeichnet und diese fördert.
Die Besonderheit dieser Interaktion liegt bei der Rezeption oder Nutzung in der
Akzeptanz und bei der gestalterischen Produktion in der Konzeption der
Eigenaktivität der Dinge. Entsprechend dem ästhetischen Eigenwert oder Selbstzweck liegt der
Zweck der solchermaßen gestalteten Dinge primär in ihrem Gebrauch, das heißt, der auf
sie gerichteten Interaktion selbst, nicht in ihrem instrumentellen Potential. Inwieweit
die rezeptive Interaktion festgelegt ist, ob ein großer Spielraum bleibt oder strikte
Grenzen gesetzt sind, ist graduell variierbar. Nicht jeder ist gewillt oder fähig, sich auf
die allzu einengende formative Aktualität von Design einzulassen. Die Einschätzung
der formativen Aktualität als reizvolle oder zwanghafte konkrete Dinglichkeit hängt
von der qualitativen Ausrichtung der ästhetischen Erfahrung und der Kennerschaft ab.
Designer erliegen während dem Designprozeß, der sich im Wechsel von
produktiver und rezeptiver Interaktion entwickelt, oft selbst dem Reiz der konkreten
Dinglichkeit, indem sie letztlich zu viele Details bezüglich der perzeptiven Qualität
festlegen. So lassen sich manche Entwürfe für das heimische Badezimmer zwar schön
fotografieren, sind aber für die interaktive Erschließung der konkreten Dinglichkeit als
Hauptkriterium der Erfahrungsqualität nicht mehr geeignet, weil ihre Perfektion durch
jede Interaktion sofort zerstört wird.
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