[3.3.1.3]
Beispiel für das sensitive Potential von Design
Durch industrielle Fertigungserfordernisse sind seit dem letzten Jahrhundert
individuelle Dosierungen in allen Lebensbereichen mit durchschnittlichen Portionierungen, die dem
ergonomisch erfaßten Standardmenschen entsprechen, ersetzt worden. Einer Anspannung
soll ein bestimmtes, portioniertes Aktivitätsziel zum Spannungsabbau entsprechen. Bereits
ein Baby wird dazu angehalten, sein Portionsgläschen leer zu essen oder mit dieser
festgesetzten Menge auszukommen. Im Medizinbereich, der das umfassendste Wissen zum Körper
zusammenträgt, gibt es noch Mankos. Obwohl es die heutige Herstellungstechnik von
Kapseln erlauben würde, Dosierungen nach individuellem Bedarf herzustellen, werden weiterhin
einheitliche Portionen gefertigt, wobei es oft sogar unmöglich ist, eine Tablette zu
halbieren, da diese dann ihre Wirkstoffe zu früh freisetzt. Die Beachtung des Kriteriums
der Entspannbarkeit könnte in der Pharmaindustrie und auch in der Lebensmittelindustrie
zu neuen und besseren Produkten führen. Die Verpackung von Getränken in
wiederverschließbaren Flaschen ist im Sinne des sensitiven Potentials von Design günstig, da mit diesen
der momentanen Anspannung, bzw. dem Durstgefühl entsprechend portioniert werden
kann. Dementsprechend müßte beispielsweise auch eine Chipstüte mit Restinhalt sauber
verschließbar sein und attraktiv aussehen.
Im Bereich der Kleidung können körperliche Veränderungen wie dickere Beine am
Nachmittag oder der gefüllte Magen nach dem Essen zu Anspannungen führen, die durch
entsprechende Details wie dehnbares Material, Zweifachverschlüsse im Design abzubauen
und zu regulieren sind. Weshalb sollten nicht auch Produkte in anderen Bereichen
durchdachter und vielfältiger konzipiert sein, um sensitive Dosierung und Regulierung der
körperlichen Entspannung zu unterstützen? Beispielsweise lehnen viele Menschen Zeitungen wie
»Die Zeit« nicht wegen ihrem Inhalt, sondern dem großen Format, das ihnen beim Lesen
körperliche Haltungsprobleme bereitet, ab. Neue Zeitungen wie »Die Woche«, mit
kleinerem Format, finden hierdurch ein Marktsegment.
Bereits bestehende Konzepte für Maßschneiderei in Kaufhäusern oder ein
Baukastensystem für individuelle Bettenproduktion zeigen, daß es kein Luxus bleiben muß,
Produkte, die somatische Anspannungen, wie Rückenschmerzen, abbauen, kompensieren oder
regulieren sollen, speziell einjustierbar und nouanciert zu gestalten. Insbesondere die
computergesteuerte Fertigung erleichtert die Produktion differenzierter, nach dem Kriterium
der Entspannbarkeit gestalteter Produkte.
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