[4.3.1.1]
Beispiel für das distinktive Potential von Design
Ein Merkmal des distinktiven Potentials von Design ist die niveaugerechte,
spezialisierte, ohne Vorwissen nicht erschließbare Verkoppelungen von Form und Inhalt. Deshalb sind
Materialien, Konstruktion und Fertigungstechniken nach expliziten Regeln anzuwenden.
Kein Detail ist zufällig, jedes Gestaltungselement repräsentiert eine Bedeutung. Bezüglich
dem distinktiven Potential von Design entspricht jedem ästhetischen Ausdruckselement ein
bestimmter Wert auf einer gedachten Skala zur
Niveaudifferenz. Insbesondere im Automobilbereich gibt es fein abgestufte
Unterschiede in der Ausstattung der Typenklassen. Wie
wichtig dieses distinktive Potential von Design für die Kunden ist, zeigt der Markterfolg von
Accessoires, die mit dem Produkt Auto wenig zu tun haben, aber sich dessen jeweiligem
Niveau und Sozialprestige zuordnen lassen. Diese Produkte geben auch einem Kunden, der sich das
zugehörige Auto nicht leisten kann das Gefühl, wenigstens mit der richtigen
Sonnenbrille und der aus seiner Sicht standesgemäßen Lederjacke ausgestattet zu sein.
Durch solche Zuordnunge entsteht ein Stil, der die niveaugerechte kommunikative
Dimension der ästhetischen Erfahrung prägt. Solange der Zusammenhang der
Ausdruckselemente mit einem Niveau durch entsprechende Kennerschaft der sozialen Akteure
lebendig gehalten wird, gilt dieser Stil zwar als ästhetischer Kanon, der als Idealzustand
anzustreben ist, jedoch ständig kleine Veränderungen erfährt und in der gewünschten Perfektion
oft unerreichbar bleibt. Kommt es aber zu einer Absolutsetzung der Zielvorgabe, dann
erstarren die kleinen Veränderungsprozesse und das Erkennen der zugehörigen
Niveaudifferenz erfordert immer weniger spezifische Kennerschaft, bis schließlich ein Bruch der
spezifischen Einheit von Form und Inhalt und die Mutation des lebendigen Stils zu einem
inhaltsleeren Formalismus eintritt.
So wählen viele Menschen, die schnell zu Wohlstand gekommen sind, sich an der
hierarchischen Struktur orientieren und ihren neuen Status durch den Erwerb teurer
Produkte präsentieren wollen, nicht die wirklich wertvollen Stücke aus, sondern diejenigen, die
von jedermann für solche gehalten werden. Beispielsweise ist dies am Konsumverhalten
wohlhabender Bürger ehemaliger Ostblockländer zu beobachten, welche sich mit
überdimensionierten Möbeln, die teils aus Spanplatten gefertigt sind, ausstatten. Ihnen fehlt zwar
die erforderliche ästhetische Kennerschaft, die sie bräuchten, um von den Insidern dieses
Niveaus anerkannt zu werden, dies schadet aber nicht, wenn die Deutlichkeit und
leichte Erkennbarkeit des nun erreichten Niveaus für gesellschaftlich weiter unten stehende
Menschen ihres Landes Priorität hat.
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