[5.3.1.1]
Beispiel für das situative Potential von Design
In einem Lebenskontext, der wenig Freiraum für kreatives Ausprobieren von Ideen
läßt, verkümmern Aktivitätsansätze und die Menschen verlieren einen entscheidenden
Aspekt qualitativer Lebenserfahrung. Möglichkeiten für kreatives Erproben werden schon durch
die Gesamtverfassung des Lebenskontexts eingeschränkt. Ein Stadtbewohner kann die
Gesamtheit seiner Fähigkeiten, wie Naturvorgänge beurteilen zu können, mit vielen Tieren
umzugehen, handwerklich von der Maschinenreparatur bis zur Zimmermannsarbeit geschickt
zu sein weniger gut erproben als ein Landbewohner. Dagegen bleiben dessen
Erfahrungsmöglichkeiten in der Erprobung von Cafebesuchen, Teilnahme am kulturellen Leben,
Nutzung von Freizeitangeboten aller Art, längere Reisen usw. eingeschränkt. Solche
vorgefundenen Lebenskontexte, ob eher durch die Natur oder durch die Kultur geprägt, sind selten
völlig umzugestalten. Gerade deshalb sind kleine Veränderungen wichtig. Phantastische
Visionen oder Utopien können die Erfahrung des kreativen Erprobens der Medien im alltäglichen
Lebenskontext und deren aktive Mitgestaltung nicht ersetzen.
Möbel und andere Gegenstände des täglichen Gebrauchs sollten nicht allesamt strikt
auf eine Funktion hin optimiert sein, weil dadurch das Erproben anderer gerade benötigter
Funktionen sehr stark eingeschränkt wird. Stühle sind gewöhnlich zum Sitzen da, aber wer
holt immer eine Leiter, um einen höheren Regalboden zu erreichen? Afrikaner, denen in
den sechziger Jahren von Entwicklungshelfern Toiletten einbebaut worden waren, welche
sie nach ihrer Ansicht zum vorgesehen Zweck aber nicht benötigten, bewiesen ihre
erprobende Kreativität, indem sie die Toiletten beispielsweise zum Gemüsewaschen benutzten.
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