[6.3.1]
Zur Strategie der »Aufklärung«
bezüglich der initiativen Option
Während die Strategie der Profilierung das Bestehende ausbaut und die
gewohnte ästhetische Erfahrung durch die Schaffung resonanter Optionen bestärkt, öffnet
die Strategie der Aufklärung ungewohnte Erfahrungsweisen und fordert die
Entscheidungskompetenz der Rezipienten. Diese lernen dadurch, sich nicht von
ästhetischen Angeboten überlisten zu lassen, sondern sie bewußt auszuwählen. Aufklärung
meint in diesem Zusammenhang die Unterstützung zur selbständigen Urteilsfähigkeit,
die nicht allein auf Rationalität beruht sondern ebenso stark auf Kenntnis von Gefühlen.
Allein aus rationaler Sicht ist meist ein genügend hoher und abstakten
Beobachterstandpunkt einzunehmen, von dem aus das subjektive Gefühl, der freien
Erfahrungsevaluation als Täuschung entlarvt werden kann. Ob die Wahl der
Wohnungseinrichtung, des Urlaubsorts, der Kleidung, der Nahrungsmittel, der
Fernsehsendungen, Kulturangebote, Bücher usw. betreffend, viele Entscheidungen sind entgegen dem
subjektiven Bewußtsein, unbeeinflußt, individuell gewählt zu haben, zumindest in
der Tendenz vorhersagbar. Doch gerade diese kleinen Entscheidungen sind für die
Lebensqualität im Alltag und die ästhetische Erfahrung wesentlich und es stehen
immer mehrere Alternativen zur Wahl. Die Fähigkeit, diese zu erkennen und nicht
zeitlebens zwangsläufig in dem Wirklichkeitskonstrukt
gefangen zu bleiben, in das ein Mensch zufällig hineingeboren wurde, sollte durch die Strategie der Aufklärung gefördert
werden. Als eine der Entscheidungsalternativen ist ebenso das Verweilen in dem
bisherigen Wirklichkeitskonstrukt abzuwägen.
Die emanzipative Perspektivität von Design kann der Strategie der
Aufklärung dadurch entsprechen, daß es im Prinzip eine frei wählbare Zuwendung ermöglicht,
also trotz gezielt geplanter ästhetischer Wirkungen den Rezipienten weder
überrumpeln noch überlisten will. Designer sollten sich den Respekt vor der Wahlfreiheit und
der bewußten, gefühlsbezogenen Erfahrungsevaluation des einzelnen bewahren,
auch wenn es um vermeintlich kleine Entscheidungen geht. Denn diese können im
subjektiven Empfinden große Bedeutung erlangen. Hier muß sich das verantwortliche
Eintreten der Designer für ihr Tun bewähren, denn in diesem Punkt treffen sich
ästhetische und ethische Argumente am engsten. Für jeden Menschen, ob in der Rolle
des Designers oder des Nutzers, gilt es, zu erkennen, daß Entscheidungsfreiheit mit
Verantwortungsbewußtsein verbunden ist.
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