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[6.3.1]
Beispiele für die emanzipative Perspektivität von Design

Ähnlich einem Medikament das heute nur selten ohne Aufklärung über die Wirkung und ohne Zustimmung des Patienten verabreicht wird, müßte auch ein Rezipient vor der Präsentation eines ästhetischen Angebots über die mögliche Wirkung innerhalb der ästhetischen Erfahrung aufgeklärt werden, um freiwillig und verantwortlich mitentscheiden zu können.

Die perzeptive Qualität förderndes, auf die formative Aktualität ausgerichtetes Design sollte das Entstehen von reflektiver Sinnlichkeit, geschmacklicher Gemeinsamkeit und konkreter Dinglichkeit innerhalb der ästhetischen Erfahrung anregen, sie aber nicht ohne Vorwarnung überwältigen und somit jede bewußte Reflexion und Entscheidungsmöglichkeit, zur Annäherung oder zur Abwehr, ausschalten. Eine ästhetisch opulente Architektur und Ausstattung, die beispielsweise bei Schlössern oder auch Bankgebäuden zum Einsatz kommt, kann den unbedarften Besucher in Bann schlagen. Diese ganzheitliche Vereinnahmung der perzeptiven Qualität durch ästhetische Reize, demonstrativ betonte Gemeinsamkeit und zur unverrückbaren Macht aufgebauten Dinglichkeit, unterdrückt für den Besucher selbst unmerklich zunehmend jede eigenständige Aktivität.

Ebenso wäre beim Einsatz der evokativen Aktualität von Design zur Anregung der empathiven Qualität zu beachten, daß Gelegenheiten zur kurzen Distanznahme und innerlichem Rückzug bestehen. Insbesondere Filme können den Zuschauer zur Anteilnahme durch Lachen oder Weinen evozieren. Wenn die Dramaturgie den Zuschauer aber unentwegt durch ein Gefühlsbad treibt, ohne ruhige Phasen zur Besinnung auf das Selbstgefühl, die gegenwärtige Verbundenheit mit den anderen Kinobesuchern und dem eigenen Imaginieren von durch den Film inspirierten virtuellen Inszenierungen einzubauen, wird der Zuschauer völlig vereinnahmt und fühlt sich am Ende ausgebrannt.

Auch hinsichtlich der prospektiven Aktualität zur Unterstützung der imaginativen Qualität ist es wichtig, Entscheidungsmöglichkeiten in Sinne der Strategie der Aufklärung offen zu halten. Daher ist die prospektive Aktualität von Design nicht mit dem linear ausgerichteten, avantgardistischen Anspruch, der beispielsweise die Designer der Moderne erfüllte, gleichzusetzen. Dieser würde die Richtung für den fiktiven Selbstentwurf, die projektive Einigkeit und die virtuelle Inszenierung zu stark vorgeben und anstatt zur selbstbestimmten Entfaltung imaginativer Qualität zu verhelfen, jedermann zum Nachläufer degradieren.

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