[6.3.3]
Beispiele für die interpretative Perspektivität von Design
Dominiert die integrative Struktur innerhalb einer Kultur, so drückt diese fast ohne
wertende Selektionen vorzunehmen die Zusammengehörigkeit aller Menschen, die sich auf
sie beziehen aus. Hierzu paßt die Strategie der Universalisierung. Die interpretativen
Perspektivität von Design kann rücksichtsvoll auf die Unterschiede der Individuen eingehen.
Mittels der Strategie der Universalisierung der sozialen Erfahrungsselektion entsteht eine
umfassendere Einheit. Diese integriert individuelle Differenzen und läßt es zu, daß jeder
nach seinen Kräften an der Fortführung der universellen Erfahrungsselektion beitragen kann.
Nicht die Differenzen im Kleinen werden betont, sondern die Gemeinsamkeiten im Großen.
Unter der interpretativen Perspektivität von Design ist langfristig die Komplexität des
kollektiven Potentials von Design zu steigern, das heißt, der Lebensstandard und das
Allgemeinwissen verbessern sich. Im Vergleich zu Beginn des Jahrhunderts, als nur wenige
Gebildete aktiven Anteil an der Erfahrungsselektion hatten, ist in den westlichen Ländern heute
der Großteil der Bevölkerung dazu fähig komplexe Alltagshandlungen eigenständig
durchzuführen und beispielsweise selbst Auto zu fahren, Bankgeschäfte abzuwickeln,
Behördengänge zu erledigen.
Überwiegen hierarchische Strukturen, dann formiert sich die kulturelle
Erfahrungsselektion aus dem, bezüglich den gewählten Idealen, optimierten Wissen von Eliten. Als
Extrakt der lineraren Optimierung entsteht explizites Wissen, das zu verstehen aber
entsprechendes Vorwissen voraussetzt, dessen Erwerb nicht jederman zugänglich ist. Es bilden sich
Wissenseliten, die beispielsweise wissenschaftliche Disziplinen repräsentieren und nicht
miteinander in Verbindung gebracht werden können, weil sie je auf ihrer Linie optimiert sind.
Die Tradierung und weiteren Optimierung dieser auseinanderklaffenden Wissensspitzen
verlangt die Heranbildung nachrückender Eliten. Prozesse der Erfahrungsselektion werden von
oben gesteuert. Dies zeigt sich dadurch, daß das als unwichtiger eingestufte Wissen den
Menschen an der Basis der Hierarchien übertragen wird und alle Kräfte darauf konzentriert
werden, einigen wenigen den Aufstieg zu ermöglichen. Durch die willkürliche Einstufung von
Menschen sind konkurrierende Machtkämpfe um die Auswahlkriterien für relevantes Wissen
und persönliche Aufstiegsberechtigung vorprogrammiert. Obwohl unterschiedliche
Wissensebenen entstehen, wird die hierarchische Struktur von der Strategie der Universalisierung
gestärkt. Zwar bildet jede Ebene für sich eine Einheit, diese ist aber an die umfassende,
übergeordnete Einheit der hierarchischen Struktur als Ganzes gebunden. Die auf
Universalisierung ausgerichtete Erfahrungsselektion einer hierarchisch strukturierten Gesellschaft
verschlingt die humane Energie für die Tradierung ihrer Inhalte und läßt für Erneuerungen,
Weiterentwicklungen und Diversifizierung immer weniger Freiraum. Ein Beispiel für das
Scheitern einer Gesellschaft durch das Festhalten an einer hierarchischen Struktur kombiniert
mit der Strategie der Universalisierung, ist der Untergang der ägyptischen Pyramidenkultur.
Die Unterstützungswürdigkeit der Strategie der Universalisierung bezüglich der
hierarchischen Struktur durch die interpretative Perspektivität von Design ist daher kritisch zu prüfen.
Bestimmt eine polyvalenten Struktur die Erfahrungsselektion, dann stehen Elemente
aus verschiedenen Bereichen und Entwicklungsstufen nebeneinander. Dadurch werden
spielerische, kreative Verknüpfungen von Erfahrungen möglich. Bezüglich der polyvalenten
Struktur und dem partizipativen Potential von Design ergeben sich die Selektionskriterien für
Pflege und Tradierung von Wissen nicht zwangsläufig aus dem Aufwand einer Elite, welche
dieses Wissen erzeugte, sondern erfolgt mit Rücksicht auf gegenwärtige oder zukünftige
Relevanz. Die Erfahrungsselektion läßt sich keinem Universalanspruch unterstellen. Parallel
werden verschiedene Richtungen verfolgt und in Relation zu verantwortlich ausgewählten
Erfordernissen ständig modifiziert, verworfen oder erneuert. An diesen Prozessen kann sich
jeder in verschiedenen Formen und auf unterschiedlichen Ebenen, je nach seinen
Fähigkeiten im Rahmen von Selbstverantwortung und Toleranz beteiligen. Deshalb ist die
Strategie der Universalisierung und die zugehörige Umsetzung durch die interpretative
Perspektivität von Design mit der polyvalenten Struktur inkompatibel.
|